Tino Natur
Peru,  Sommer Fernreisen Redaktion,  Südamerika

Durch die Schwarze und Weisse Kordillere von Peru

Ein Bericht von Tino Mischler

Wir hatten nur eine Woche Ferien, doch erleben wollten wir aus dem Vollen. Unser Ziel: die befahrbaren Pässe der Cordillera Blanca und möglichst viel Natur abseits vom Touristenstrom. Also los im Geländewagen! Zwei Geographiestudenten und ein leidenschaftlicher Ornithologe.
Diesmal biegen wir von der Panamericana bei Casma (schönes Hotel Farol) ab auf die Direktroute nach Huaraz, dem Zentrum der Bergsteiger in Peru. Ab Yaután geht es auf enger Schotterpiste immer steiler bergan; an einer Spitzkehre ist gleich viel Himmel über und unter uns. Auf dem Treppenabsatz einer Lehmhütte hockt vornübergebeugt eine Gestalt, von der wir zunächst nur den riesigen Krempenhut sehen. Der Hut fällt herunter, ohne dass es der stoische Indio zu bemerken scheint. Die Ursache wird klar: links stehen 9 leere Bierflaschen aufgereiht. Einige Cholas, strohbeladene Hochlandindias in grellen BASF-Wollfarben, gestärkter Schleife am Hut, Zöpfen und mehreren Petticoats, springen aus einem Seitenpfad leichtfüssig auf die Piste. Auf unsere Frage nach dem Weiterweg und dem vermeintlichen Ende der Fiesta ernten wir nur ein „lárgate!“ (verschwinde!).

Schwarze Kordillere – Weisse Kordillere – Nationalpark Huascarán – Puya Raimondi

Puya raimondii Peru
Puya raimondii (Foto von Ralph Sommer)

18 Km weiter grosse Überraschung am 1. Pass Punta Callán, 4.228 m, der Schwarzen Kordillere: ungetrübte wolkenfreie Sicht auf alle Eisriesen der Weissen Kordillere! Weit unten im Santatal sieht man schon die Departementshauptstadt Huaraz, doch das bedeutet noch eine Stunde Serpentinenkurven. Am zweiten Tag verlassen wir den Rio Santa Richtung Ost. Ein Abstecher führt uns im Sektor Carpa des Nationalparks Huascarán zu einer der merkwürdigsten Pflanzen der Welt, der Puya raimondii. Auf über 4.000 m, an Hängen, die sonst nur mit Ichú-Gras bewachsen sind, erheben sich vereinzelt riesige 3 m hohe Kugelstachelpolster aus lanzettlichen Blättern mit scharfen Haken. Aus diesen wächst nach mindestens 15 Jahren ein 10 m hoher Blütenstand mit Hunderttausenden von Einzelblüten, die vom Andenkolibri bestäubt werden. Dann stirbt die enorme Pflanze (Fotos v.Ralph Sommer).

Polylepis-Wald und Chavín-Fratzen

(Fotos v. Ralph Sommer) Die Landschaft wird nun grandios; silbern schimmert der Querococha-See in einem ehemaligen Gletschertrogtal, flankiert von einem lichten Polylepis-Wald, der sich aus einem Seitental zu ergiessen scheint. Die Polylepis-Bäume haben abblätternde rote Rinde und können weit über der Baumgrenze zwischen 3.900 und 4.700 m als eigenständige Waldinseln existieren. Unser zweiter 4.000er-Pass geht durch einen Tunnel, in (Foto v.Ralph Sommer) dem Eiszapfen tropfen: Kawish, 4.260 m, die Wasserscheide zum Atlantik. Eine gute Teerstrasse bringt uns tiefer nach Chavin de Huantar, dem wichtigsten Tempelzentrum der Chavín-Kultur (ca. 1.400 – 50 v.Chr.). Zapfenköpfe in der Wand, als Halluzinationen des Übergangs Mensch -> Tier während einer Seance gedeutet, weitere abstrakte Steinritzungen von Jaguaren und die scheussliche Stele des Lanzón (verlangte er Menschenopfer?) beeindrucken uns.

Zeltcamp in der Sierra und schönster Pass der Anden, Portachuelo de Llanganuco

Polylepis Wald Peru
Polylepis (Foto von Ralph Sommer)

Es wird Zeit für unser erstes Zeltcamp in der Sierra. Hinter Huari schnauft der 4WD zum malerischen Hochgebirgssee Puruhuay, 3.690 m. Wir lassen uns zum Einlauf am anderen Ende rudern und spazieren kurz in einem moosbehangenen Erlenwald. Die Nacht bleibt frostfrei. Der folgende Morgen bringt eine seltene, jüngst entdeckte Vogelart, die White-cheeked Cotinga und den Plain-tailed Warbling-Finch, beide nur in grosser Höhe anzutreffen. Wir sind jetzt hinter, also östlich der Weissen Kordillere, wo nur ein Fahrweg eingezeichnet ist, den kein Tourist kennt. Über einen kahlen Pass, 4.350 m, erreichen wir San Luis, wo wir von der Verschüttung der Piste weiter nördlich erfahren. 30 km weiter ist Schluss: Pomabamba werden wir nicht erreichen. Aber es gibt einen Ausweg: steil über Yanama, 3.400 m, über die Weisse Kordillere zurück ins Santa-Tal (viele Karten verzeichnen hier nur Trekkingwege). Wir bereuen diesen Umweg nicht, führt er doch über den schönsten Pass der Anden, den Portachuelo de Llanganuco, 4.767 m. Die Vegetation wird schon vor dem Pass bunt: violette Berglupinen (Chocho, essbar), stachelige Puyas, gelbe Pantoffelblumen, sogar Enziane.

Höchste Berg Perus, Huascarán und Fahrt nach Caraz

Huascaran Peru
Huascaran (Foto von Ralph Sommer)

Auf der anderen Seite vom Passtor stehen wir einige Augenblicke sprachlos. Zum Greifen nah zeigt sich der höchste Berg Perus, der Huascarán, 6.768 m, und der Huandoy. In endlosen Kehren kurven wir hinunter zu den Zwillingsseen Orconcocha und Llanganuco, malerischster Teil des Nationalparks Huascarán, auf denen zahllose Hochlandenten schwimmen. Die Karseen sind umgeben (Foto v. Ralph Sommer)von rauer Gletscherwelt, dramatischen Wolken und ersten Gewitterblitzen. Wir machen, dass wir nach Caraz ins Hotel Oasis kommen. Trotz Anlegen beider Spiegel verkratze ich einen Kotflügel in der extrem engen Garage.

Cañón del Pato und Pass Abra Calluacona

Durch den engen Cañón del Pato (Entenschlucht), in dem zwischen den Tunneln 2.000 m hohe bröckelige Schuttwände auf einen zu stürzen drohen, fahren wir den Rio Santa hinunter auf 950 m, wo es den nördlichsten Abzweig über die Cordillera Blanca gibt. Zweieinhalb Stunden später sind wir schon 350 m höher auf unserem fünften 4.000er-Pass, dem Abra Calluacona, 4.200 m. Wieder herunter in das zwischen Eukalypten tief eingebettete Sihuas. Die Karte zeigt 77 km bis hier; in Wahrheit waren es 105 km.

Auf ins Unbekannte über den Marañón

Ab jetzt wird es undurchschaubar und abenteuerlich. Nach Osten ist keine Strasse mehr eingezeichnet. Nach einem Abenteuerbericht soll es aber hier über den Marañón eine Brücke geben, was die Dörfler (man muss die Chauffeure fragen) bejahen. Also auf ins Unbekannte! Wi

der Erwarten führt eine frisch geschobene gute Piste immer talab, und am Spätnachmittag erreichen wir tatsächlich die Marañónbrücke bei 1.730 m. Der Marañón galt früher als der Hauptfluss und die Quelle des Amazonas, bis man im Apurimac einen viel längeren Zubringer fand. Hier unten ist es trocken-heiss; Säulenkakteen, Stachelbüsche und natürlich der Peruanische Pfefferbaum Schinus molle dominieren. Wir schlagen Zelt an der einzigen Abfahrt zum Fluss. Wenn der Wind nachlässt, überfallen einen gleich die Sandmücken.

Goldgräberroute nach Norden

Huancaspata
Huancaspata

Am nächsten Morgen sehe ich endlich das endemische Yellow-fronted Parrotlet (Foto), nach dem ich schon jahrelang gesucht habe. Wir haben die mächtige Weisse Kordillere, die ihrem Namen mit vielen 6000ern alle Ehre macht, verlassen und fahren eine Goldgräberroute östlich des Marañón nach Norden. So viele Serpentinen wie nach Huancaspata (3.280 m) hinauf habe ich noch nie hintereinander gekurbelt. Vor Tayabamba kommt der Pass Nr. 6, 4.200 m, mit einem langhin sichtbaren originalen Wegstück der Inkastrasse. In Buldibuyo spielen wir nachmittags gegen die Dorfjugend Volleyball und gewinnen knapp. Die Herberge liegt direkt an der Plaza, und mehrfach wache ich nachts durch die vorbeigetriebenen grunzenden Schweine auf.

Ostkordillerenabfall zum Amazonasbecken

Der nächste Tag soll uns einem ersehnten Ziel näher bringen: dem voll bewaldeten Ostkordillerenabfall zum Amazonasbecken. Hätte ich geahnt, was mir bevorsteht, ich hätte mein Auto daheim gelassen. Nach Auskunft des LKW-Fahrers, der gerade einen platten Reifen flickt (Vorahnung!), soll ein einziger Laster mit Holz an diesem Tag aus dem Urwald heraufkommen. Wir finden den Abzweig auf 3.670 m; ab hier ist es einspurig. Der Weg schnürt hangparallel um mehrere steile Berge, nur mit Gestrüpp bewachsen; rechts liegt immer der Abgrund. Der Wachtposten mit vorsintflutlicher Flinte an der Sperre steigt gleich mit ein, er hätte drin noch was zu erledigen (vielleicht ein Steisshuhn für den Topf schiessen?).

Indiofrau Peru
Indiofrau (Foto von Ralph Sommer)

Dann wird es brenzlig: nach einer Hochlagune liegen eigentlich nur noch spitze Steine als Wegbedeckung; ich muss alles im 1. Gang fahren, den Steinen dauernd ausweichen; manchmal setzen wir kurz auf. Keine Möglichkeit zum Umdrehen! Doch dann kommt die Passschwelle und der Blick auf den Elfenwald des Ostabhanges. Weiter! Nach 30 km in zweieinhalb Stunden kann ich nicht mehr: Umkehren, dieser Feldweg (ein Lob!) ist unmöglich! Ich finde eine 4,5 m breite Wendestelle hinter einem Autowrack und lasse mich einweisen. Da kommt auch schon der Holzlaster. Ja, noch alles o.k. Wir schlagen das Zelt in einem strohgedeckten Unterstand auf, werden in der Nacht aber doch nass, da es überall (Fotos v. Ralph Sommer)hereintropft. Aussen giesst es. Am Morgen wandern wir den Feldweg, der höhere Bodenfreiheit erfordert, abwärts und sehen die ersehnten Endemiten Golden-backed Mountain-Tanager und den Pardusco. Die Studenten wirken verschwiemelt und mögen nicht mehr – also zurück.

Zurück über Holperpiste zu den Thermen von Yanasara

Wir sind alle froh, als wir die Fernpiste ohne Schaden wieder errreichen. Gleich geht es auf 4.200 m (Pass Nr. 7) und wir passieren einige Goldgräberstädtchen. Wir schlafen am Marañón auf einer Sandbank bei Chagual, wo einer noch nachts ein paar Fischchen angelt. Die Brückenbohlen über den Marañón, 1.200 m, jetzt wieder nach Westen, müssen wir selber neu verlegen, um überhaupt herüber zu kommen. Dann geht es über einen lächerlich niedrigen Pass, 3.850 m, nach Yanasara, wo es uns in den Thermen so gut gefällt, dass wir eine weitere Nacht bleiben. Über Huamachucro, wo wir die mehrstöckigen Huari-Ruinen von Marcapomacocha bestaunen, und Cajamarca gelangen wir wieder an die peruanische Küste. Tja, wer macht diese abenteuerliche Hochandenroute ein zweites Mal mit? Schreibt an Ralph Sommer, ref. „Tino“ Weisse Kordillere Peru“: sommer.fern@t-online.de

 

Unsere Peru-Reisen finden Sie unter www.peru-discover.de

Schreibe einen Kommentar